Geschichte der Architektur und Bildhauerei in Venedig 296 298

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Fig. 5, Taf. VI wird genügen, um in diesen Tabernakeln eine ganz auffallende Dispositionsähnlichkeit mit den Altartabernakeln romanischer Basiliken zu erkennen, während ausser den durchbrochenen Bogen und dem Spitzhelm eigentlich nichts daran ist, was an die kühnaufgethürmten Tabernakelfialen deutscher Dome erinnert. Endlich findet man noch eine wesentliche Verschiedenheit zwischen der Gothik des Continents und der der Lagunenstadt in den Erdgeschossen. Während überall anderwärts die Erdgeschosse gothischer "Wohnhäuser in ziemlich massigen Verhältnissen den Steinbau durchgebildet zeigen, zeigen fast alle die erhaltenen Beispiele von Erdgeschossen aus dem Mittelalter in Venedig, namentlich da, wo sie nicht dem Wasser, sondern einer Strasse zugekehrt oder sonst für Benutzung zum Besten des allgemeinen Handels und Verkehrs bestimmt sind, an Hallen, Kaufläden, so auch in Höfen, an Gallerien etc. die Holzconstruction. Säulen oder Pfeiler tragen Trumhölzer, auf denen Balken liegen, die wiederum Balken tragen, welche mit ihrem verzierten Ende ziemlich weit vorstehen und die oft weit übergekragte Oberwand tragen. Auch von dieser Construction führen wir unsern Lesern ein Beispiel vor in Fig. 6, Taf. VI, welches den Typus in eclatanter Weise angibt, der fast in allen solchen Constructionen, die noch erhalten sind (wir waren allerdings nicht im Stande, mehr als 24 Beispiele aufzufinden) mit nur ganz unwesentlichen Modificationen befolgt ist. Sehr mannichfach und zum Theil prachtvoll mag die Bekrönung der Palastfaçaden durch Zinnen gewesen sein, leider sind davon nur wenige erhalten, doch auch diese zeigen ganz andere Formen, als in den übrigen Ländern während der Herrschaft der Gothik. Während man eigentlich gewöhnt ist, in der Gestalt der Zinnen auch wenn sie zur Zierde dienen sollen, doch das Vertheidigungswerkzeug zu erkennen, sind die venetianischen rein als Verzierung behandelt. Eine der zierlichsten Gestaltungen derselben zeigen die der Cá d'oro, s. S. 235. Die des Dogenpalastes und anderer Marmorfaçaden bestehen aus ziemlich schwachen Marmorplatten in Gestalt von geschweiften Giebeln, ganz ähnlich denen der Tabernakel; der Eselsrückenbogen unter den Giebeln ist fast immer, der Kreis darüber wenigstens häufig durchbrochen, an die Stelle der Kriech- und Kreuzblumen treten vergoldete Kugeln, zwischen je zwei solchen Giebeln erhebt sich ein ungemein schlankes Vialenhaupt ohne Leib. S. Fig. 7—9, Taf. VI.
Bei Backsteinfaçaden besteht jede Zinne aus zwei kleinen viereckigen Pfeilerchen, durch einen offenen Spitzbogen verbunden, über dem sich ein schlankes, oft wunderlich ausgezacktes Giebelchen erhebt, in dem wohl auch eine Rosette sitzt. S. Fig. 10, Taf. VI.
Sowie sich aber in den hier aufgeführten Gegenständen eine ab-

 

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