Geschichte der Architektur und Bildhauerei in Venedig 271 273

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dieses Riesenbaues verbreitet ist. An einigen der Figuren zeigt sieh allerdings so mancher Mangel in Behandlung des Nackten und namentlich eine ziemliche Unkenntnis» der Anatomie, leicht aber vergisst man diesen Mangel über der Kraft und Wahrheit des Ausdruckes, über der sinnigen Auffassung der Aufgabe und der gefühlvollen Wiedergebung des Seelenlebens, welche aus allen diesen wahr und lebendig bewegten Figuren uns entgegenstrahlt. In den beiden Erzengeln an den Hauptecken der obern Halle treten jene Mängel gegen diese Vorzüge um so mehr in den Hintergrund, als diese Engel völlig bekleidet sind und man eine gewisse Geschicklichkeit in der Drappirung und eine grosse Sorgfalt in Ausarbeitung des Faltenwurfs den Buon allerdings nicht absprechen kann. Der einzige Fehler, den man vielleicht an diesen Engeln finden könnte, ist eine gewisse Derbheit in den Verhältnissen, die wir bereits bei verschiedenen Figuren dieser Schule als charakteristisches Merkmal gefunden haben. Bedeutend mehr sichtbar wird die Unkenntniss in der Anatomie bei den Gruppen an den Ecken der untern Halle, namentlich bei der Gruppe des Noah an der Ecke bei der Ponte della Paglia, welche übrigens auch etwas an Ueberfüllung des gegebenen Raumes mit Figuren leidet, Ueberhaupt scheinen diese Gruppen doch schon etwas zu schwierige Aufgaben für unsere Meister gewesen zu sein, welche den Stoff hier wohl nicht vollständig beherrschen, auch ihren Hang zu allegorischen Darstellungen dabei nicht nachgeben konnten; an den Capitäteli, welche noch unvollendet ihres bildnerischen Schmuckes harrten, war ihnen Gelegenheit gegeben, zu symbolisiren, und das haben sie denn auch nach Kräften gethan; nach Kräften, damit wollen wir nicht etwa sagen, dass diese Arbeiten nicht gut seien, im Gegentheil, sie sind wenigstens an einigen der Capitäle ganz vorzüglich zu nennen, aber der Italiener kann überhaupt nicht so vollständig scharf symbolisiren, als der Deutsche es verlangt und vermag. Während wir an unseren Domen des Mittelalters Tugenden und Laster, Eigenschaften etc. durch Thiere, ja oft blos durch Thiertheile dargestellt finden, so dass ein mit mehrern Lastern behafteter Mensch aus mehrern Thiergattungen zusammengesetzt erscheint, während wir überhaupt ein bis jetzt allerdings noch nicht vollständig wieder verstandenes, aber doch ganz vollständig consequent durchgeführtes System der Symbolik des deutschen Mittelalters zu Grunde liegen sahen, ist Italien in dieser Beziehung bedeutend hinter Deutschland zurückgeblieben; die Symbole sind in der Regel unklar, sogar oft unverständlich zu nennen. Ja, dies geht oft so weit, dass der Künstler selbst für nöthig gefunden hat, sie durch eine Inschrift zu erklären. Hier und da kann auch eben nur ein Italiener Symbolik hinter diesen Darstellungen suchen. In wie weit diese Bemerkungen auf die Capitäle des Dogen-

 

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