Geschichte der Architektur und Bildhauerei in Venedig 275 277

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zen Säulenreihe, welche nicht in schlechtem Latein, sondern in venetianischem Dialecte abgefasst sind. Auf dem Abakus dieses Capitäls, was übrigens ungemein gelitten hat, steht aus drei Seiten desselben emporwachsendes, krauses Blattwerk, welches sich unter eine rechtwinkelige Consolplatte unterlegt; auf dieser steht eine Eckgruppe, jedenfalls die schönste von allen dreien; sie stellt in lebensgrossen Figuren das Urtheil des Salomo dar. Composition und Bewegung lässt, wenn man den ungünstigen Raum bedenkt, nichts zu wünschen übrig. Der Faltenwurf ist einfach, klar und wahr, ohne monoton zu sein; die Verhältnisse der Figuren sind nicht zu derb, der Ausdruck edel und lebhaft, ohne manierirt zu sein und die nackte Gestalt des Kindes zeigt keine bedeutenden Verstösse gegen die anatomische Wahrheit, kurz, unter den Arbeiten dieses Untergeschosses ist diess jedenfalls die meisterhafteste. Auch die Capitäle der obern Säulenreihe enthalten figürliche Dar-
stellungen und zwar, da sie bedeutend schmäler sind, auch blos vierseitige Abaken haben, allemal eine halbe Figur, die, aus den Blättern der untern Reihe herauswachsend, zwischen den Ueberschlägen der Eckblätter steht; ob auch diese symbolische Deutung zulassen, wollen wir hier nicht näher untersuchen, auch würde eine solche Untersuchung ebenso wenig zu einem erfreulichen Resultat führen, als bei der untern Säulenreihe, denn wie der freundliche Leser gesehen haben wird, haben auch jene Darstellungen, durch die sich Selvatico in seinem Patriotismus zur Begeisterung für die Begabung der alten Meister für die Symbolik so lebhaft hingerissen fühlt, unter einander sehr wenig, wenn nicht gar keinen Zusammenhang und legt dieser Umstand ein neues Zeugniss für die alte Wahrheit ab, dass die Symbolik der Italiener bei weitem nicht so ausgebildet war, als die der germanischen Völker. Da unsere Meister von 1439—43 an der Porta della Charta arbeiteten, gleichwohl aber erwähnt wird, dass der Bau des Palastes in der Hauptsache bereits 1442 vollendet gewesen sei, so steht zu vermuthen, dass die Hallen und der Ueberbau, sammt dem Fenster der Sala del Scrutinio bereits bis 1439 vollendet waren. Dieses grosse Fenster hat leider in neuester Zeit durch unvorsichtige Richtung der bei S. Giorgio maggiore aufgestellten Kanonen, welche mit blinder Ladung Festsignale bei Proclamation des erneuerten Freihafendecrets gaben, und eine bedeutende Erschütterung des ganzen Palastes bewirkten, ungemein gelitten, namentlich die Figuren. In Folge der dadurch nöthig gewordenen umfänglichen Restauration kann man eigentlich über die Technik und Formgebung dieses Fensters nicht mehr viel sagen; denn obgleich die neuen Arbeiten mit vielem Verständniss und unter genauer Befolgung des Alten gemacht sind, sind sie doch eben nicht mehr die alten. Die

 

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