Geschichte der Architektur und Bildhauerei in Venedig 52 54

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Wenn sich der geneigte Leser diese Farben auf die in der Ansicht T. II dargestellten Formen übertragen denkt, so wird er sich einen Begriff machen können, wie reich und elegant die "Wirkung dieser Façade ist, bei weitem eleganter und reicher, als die "Wirkung manches blos aus kostbaren Materialien, also mit bei weitem grösseren Geldaufwande hergestellten Bauwerks.
Leider hat die Nähe des Seewassers schon bedeutend destruirend auf die Ziegel sowohl als auf den weissen Marmor gewirkt, so dass dieses schöne Denkmal, wenn es nicht bald einer vorsichtigen, verständigen Reparatur unterworfen wird, wohl in Kürze seinem Untergange entgegen sieht.
Die Grundform des Chorbaues ist ein halbes Vierzehneck. Originell ist die Anordnung, dass die Zacken des unteren Friesses sich als Archivolten um die Fenster der Seitenschiffe herumziehen, sowie die Anordnung der grösser werdenden Bogen unter dem Simse des Pultdachs dieser Seitenschiffe wohl das älteste Beispiel dieser später trotz ihrer Regelwidrigkeit so beliebt gewordenen Anordnung sein dürfte.
Obgleich das Innere durch neuere Restaurationen sehr verändert worden, zeigt es doch noch die reine Basilikalform; die Säulen und Kapitäle sind corinthisch, grösstentheils antik und ähneln sehr denen der Cathedrale von Torcello; die Wände, sowie die Chornische sind unten mit Marmor bekleidet, oben theils mit Mosaiken, theils mit Frescobildern verziert.
Noch sind an der Aussenseite einige Pilaster spätrömischer Arbeit zu bemerken. Das schöne Mosaikpflaster ist laut einer in dasselbe eingemauerten Inschrift 1) von 1111, welches Jahr wir also wohl als das Jahr der Vollendung der Kirche annehmen können.
So zeigt denn diese Kirche zwar in der Hauptanlage ganz die
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1) In nomine Domini Nostr. Jesu Christi. Anno Domini MCXI primo mensis Septembris Indic. V.

 

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