Geschichte der Architektur und Bildhauerei in Venedig 295 297

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Formen das Nordens und des italienischen Continents; wie wir bereits gesehen haben, machte die Gothik überhaupt in Venedig einen ganz andern Ausbildungsgang, als anderswo. Während im Norden der Strebepfeiler als Repräsentant des Siegs der Verticale das charakteristische Moment der Gothik bildet, während auf dem Festlande Italiens dieses Moment trotz des entschiedenen Gegenkämpfens antiker Traditionen dennoch wenigstens bei Kirchen zur Geltung kommt und selbst in Profanbauten der reine Spitzbogen und das Durchbrechen der Horizontalabtheilungen zuerst die Gothik ankündigt, während überall, wo gothisch gebaut ward, der gegliederte Pfeiler sich sehr geltend macht und das Aufheben der Massen, das Reduciren der Stützen auf ein Minimum in Italien gerade durch ziemliche Schwerfälligkeit des Getragenen um so schroffer hervortritt, erscheint in Venedig der Spitzbogen nur als zufälliges Endresultat ornamentaler Natur und später als der Eselsrücken. Dabei finden wir die Horizontallinien nicht nur in den Hauptabtheilungen nicht ausser Geltung gesetzt, sondern sogar an jedem einzelnen Theil in Kraft gelassen (wir erinnern nur an die viereckigen Fenstereinfassungen) dabei ist das Getragene, die Last möglichst durchbrochen und nicht, wie bei dem deutschgothischen Pfeilersystem mit dem Tragenden gleichsam verwachsen oder aus ihm heraussprossend dargestellt, sondern darauf gelegt. Nirgend anders begegnen wir daher im Gothischen einer so sehr ausgebildeten Säulencapitälform als in Venedig, fast stereotyp kehrt dieselbe Form für Säulencapitäle wieder, nur in der Decoration wechselnd, im Typus ganz consequent. Eine Beschreibung dieser Capitälform würde keine genügende Anschauung geben, wir geben unsern Lesern zwei der am häufigsten vorkommenden Beispiele in Figur 1 und 2, Taf. VI. Ebenso abweichend von dem allgemeinen Typus und ebenso consequent angewendet, stellt sich uns die venetianische Kreuzblume dar, welche übrigens nur höchst selten freistehend, fast stets blos halbvortretend aus glatten Mauerflächen erscheint und wovon wir ein Beispiel in Fig. 3, Taf. VI geben; häufiger freistehend, nicht weniger originell, dabei aber höchst fein und zierlich durchgeführt und sehr graciös behandelt, erscheint die bereits mehrmals erwähnte Kriechblume Fig. 4, Taf. VI.
Während nun aber in diesen beiden letzten Theilen, wenn auch modificirt, doch erkennbar das gothische Princip durchleuchtet, zeigt sich eine ganz eigentümliche Verschmelzung orientalischer Elemente mit romanischer Disposition und gothischer Form in den Tabernakeln, die namentlich auf der Markuskirche in elegantesten Verhältnissen angewendet sich vielfach in der ganzen Stadt, beinahe genau gleichmässig gestaltet, mit nur geringen Modificationen wiederholen. Ein Blick auf

 

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